Presseberichte


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Presseberichte

 

Bezirke wollen nach gutem Feedback auf der Nürnberger ConSozial die Hilfe für behinderte Kinder erweitern

Frühförderung hilft mehr als erhofft

Auf den Anfang kommt es an: Unter diesem Leitmotiv stand die zentrale Veranstaltung - das Fach-Forum - des Verbandes der Bayerischen Bezirke bei der jüngsten Sozialmesse ConSozial in Nürnberg. Der Bezirk Schwaben hatte Experten zu einer Podiumsdiskussion über die Frühförderung für behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder eingeladen.
Hintergrund: Seit dem 1. Januar 2008 sind die bayerischen Bezirke auch für diesen wichtigen Bereich der ambulanten Eingliederungshilfe zuständig. „Die Frühförderung ist für die Bezirke ein ganz zentrales Thema", betonte Schwabens Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Denn, so der Politiker, die Bezirke seien auch hier die geeigneten Partner, um bayernweit ausgeglichene Verhältnisse zu schaffen.

Keine Schere zwischen Medizin und Heilpädagogik

Noch unterscheide sich die Ausgestaltung der Frühförderung von Region zu Region, „wichtig ist, dass wir flächendeckend bedarfsgerechte Hilfen anbieten können, die auch für die Familien dort, wo sie leben, verfügbar sind und die finanzierbar sind".
Man sei beim Verband der Bayerischen Bezirke sehr zufrieden, dass sich nun auch die Frühförderung einreihe in den Kontext der Eingliederungshilfe, betonte die zuständige Fachreferentin Celia Wenk-Wolff.
Der seit dem Jahr 2006 bestehende Rahmenvertrag zwischen den Leistungserbringern und den Kostenträgern - den Bezirken und den Krankenkassen - gebe auf einem hohen fachlichen Niveau Standards vor.
Zu achten sei jedoch in Zukunft auch darauf, dass keine Schere zwischen heilpädagogischen und medizinischen Leistungen entstehe - zumal die „Effektivität der Frühförderung unumstritten ist", wie Professor Franz Peterander, Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hervorhob.

Langzeitstudien hätten erwiesen, dass gezielte Frühförderung nicht nur einen hohen Wert für die betroffenen Kinder, sondern auch ökonomisch überaus positive Auswirkungen habe. „Effektive Frühförderung kann es jedoch ohne die Einbeziehung der Familien, ohne einen systemischen Ansatz und ohne gewisse Standards nicht geben", so der international anerkannte Frühförderungs-Experte.
„Frühförderung dient nicht nur dazu, dass sich die gegenwärtige Situation eines behinderten Kindes verbessert - sondern sie trägt insbesondere auch zu einer Verbesserung seiner Zukunftsaussichten bei", behauptet auch Helga Treml-Sieder. Die Vorsitzende der bayerischen Landesvereinigung für interdisziplinäre Frühförderung wies auf die zwei übergeordneten Ziele der Frühförderung hin: Integration und Prävention.
Deutlich wurde bei der anschließenden Diskussion, dass bei den Einrichtungsträgern vor allem große Sorge vor einem Rückzug der Krankenkassen besteht. Die oberbayerische Bezirksrätin Friederike Steinberger (CSU) wies zudem darauf hin, dass es nach wie vor eines der zentralen Probleme sei, dass zu viele Kinder erst zu spät als förderungsbedürftig diagnostiziert würden.

von BIRGIT BÖLLINGER

KOMMENTAR

Großer Erfolg

VON ULRICH LECHLEITNER
Schwabens wiedergewählter Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert hatte schon früh das richtige Gespür. Denn bereits zu Anfang dieses Jahres war klar, dass sich sein Bezirk als Ausrichter des Fach-Forums bei der Nürnberger Messe ConSozial 2008 mit dem Thema „Frühförderung" befassen würde.
Und sowohl die fachlich renommierte Besetzung des Podiums in Nürnberg als auch die gute Resonanz im Zuhörerraum zeigten, wie aktuell diese Herausforderung ist, wie sensibel der Umgang mit den betroffenen Kindern sein muss.
Es war deshalb ein wichtiges Zeichen, das die Expertenrunde mit einer eindeutigen Botschaft setzte : Es gilt, eine Behinderung so früh wie möglich zu .erkennen! Je eher hier eine verlässliche Diagnose gegeben werden kann, desto größer sind danach die Chancen einer ebenso fundierten wie erfolgversprechenden Therapie und Betreuung.
Die Fachmesse ConSozial bot für diesen Aufgabenbereich der Bezirke einen hervorragenden Rahmen. Wie überhaupt gesagt werden muss, dass sich die „Fach-Foren" immer mehr zu Höhepunkten des Messe-Geschehens entwickeln. Im nächsten Jahr will der Bezirk Unterfranken eine solche Gesprächsrunde ausrichten. Mit einem auch dann sicherlich interessanten und informativen Thema aus dem Sozialbereich.

Quelle:Bayerische Staatszeitung Nr. 48

 

Behinderte Menschen auch beim Bildungsgipfel ignoriert

Diese Woche fand der Bildungsgipfel in Dresden statt. Dies und die Tatsache, dass dabei die Belange von behinderten Menschen ignoriert wurden, hat den blinden Journalisten Keyvan Dahesch zu folgendem Kommentar veranlasst, der im Morgenecho des WDR 5 gesendet wurde.

Kommentar von Keyvan Dahesch

Seit Jahren fordern die Elternverbände und Selbsthilfeorganisationen behinderter Menschen den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderung. "Wir sind es leid, dass unsere Anliegen in sämtlichen Bildungsdiskussionen ignoriert werden", beklagen sie. Dass der Bildungsgipfel in Dresden, der mit Problemen von Kindern aus der sogenannten bildungsfernen Schicht schon brisante Themen zu behandeln hatte, nicht auch noch mit den Bildungsfragen behinderter Menschen überfrachtet werden konnte, kann man ja verstehen. Aber es ist nicht zu verstehen ,weshalb die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, mit ihrer Forderung nach einem gemeinsamen Schulunterricht bei Bundes- und Landespolitikern immer wieder auf taube Ohren stößt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete und Mutter eines seit der Geburt schwerstbehinderten Sohnes, der Schule und Berufsausbildung gemeinsam mit nicht behinderten Altersgenossen absolvierte und hervorragende Leistungen zeigte, schätzt verständlicherweise die gemeinsame Ausbildung von Kindesbeinen an. Leider sind das immer noch Ausnahmen.

Eltern, die ihr behindertes Kind in einer allgemeinen Schule lernen lassen möchten, müssen dies oft vor Gericht erkämpfen. Und dies, obwohl die Vereinigten Staaten und die skandinavischen Länder bewiesen haben, dass von gemeinsamen Schulen Kinder mit und ohne Behinderung gleichermaßen profitieren. Woher sonst sollen Firmenchefs wissen, wie motiviert Bewerber mit Handicaps arbeiten und durch erhöhte Leistungen bewundernswerte Ergebnisse erzielen? Wie sollen Menschen mit Behinderungen, die nur mit ihresgleichen die Schulbank in den heute "Förderschulen" genannten Einrichtungen gedrückt haben, das Verhalten der "anderen" kennen?

In Deutschland werden nur 12 Prozent der behinderten Kinder in allgemeinen Schulen unterrichtet, in den skandinavischen Ländern dagegen bis zu 80 Prozent. Beim gemeinsamen Schulbesuch könnten zusätzliche Hilfskräfte, die man für die behinderten Kinder im Schulalltag notwendigerweise braucht, mit den sonst fälligen Internatskosten finanziert werden. Die sogenannten Förderschulen sollten eigentlich nur noch von Menschen mit mehrfachen Handicaps besucht werden. Die Auseinandersetzung behinderter Menschen, ihrer Eltern und ihrer Selbsthilfeverbände mit der Bundesregierung um die korrekte Übersetzung hat bislang die Annahme der UN-Behindertenkonvention durch Deutschland verhindert.

Warum dieses Land, das sich im Umgang mit gehandicapten Menschen wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat, die eindeutigen Aussagen der Konvention in allen sechs offiziellen UN-Sprachen zur Schulbildung mit abgeschwächten Formulierungen übersetzt und die Betroffenen um die Früchte ihres jahrelangen harten Kampfes gebracht hat, ist unbegreiflich. Den Verantwortlichen fällt es immer noch schwer, den Ausspruch des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu beherzigen: "Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher nicht eingegliedert werden." 

Quelle:Kobinet

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Bündnis fordert Integration behinderter Kinder

Mit Forderungen nach einem neuen Schulsystem, in dem alle Kinder, auch solche mit Behinderungen, gemeinsam lernen, hat das NRW-Bündnis "Eine Schule für alle" seine Aktivitäten gestartet. Die bisherigen Ansätze von schulischer Integration unterschieden zwischen integrationsfähigen und nicht integrationsfähigen Schülern, kritisierte die Bildungsjournalistin Brigitte Schumann in Essen. Die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen, die zurzeit zur Ratifizierung durch die Bundesregierung und die Bundesländer anstehe, sehe dagegen den Zugang aller behinderten Menschen zum allgemeinen Bildungssystem mit notwendiger Unterstützung vor. Um das in der UN-Konvention geforderte Ziel der Inklusion aller Kinder zu erreichen, müssten alle Schulen sich verändern und allen Kindern offen stehen.


Quelle: epd (Evangelischer Pressedienst)

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Die größte Bildungsstudie aller Zeiten

Bundesministerin Annette Schavan beauftragt die Universität Bamberg mit dem nationalen Bildungspanel.

Die geisteswissenschaftliche Otto-Friedrich-Universität Bamberg hat ein weltweit einzigartiges Forschungsprojekt an Land gezogen: das sogenannte Nationale Bildungspanel.

Die Langzeitstudie wird unter der Leitung des Bamberger Soziologen Hans-Peter Blossfeld erstellt und mit 70 Millionen Euro gefördert. Ein 150-köpfiges Forscherteam - Soziologen, Pädagogen, Volkswirte, Psychologen, Demografen und Statistiker - steht vor einer ziemlich großen Aufgabe: Bis 2014 sollen 60 000 Personen in fünf Altersklassen über mehrere Jahre hinweg zu ihren Bildungswegen und Bildungskarrieren befragt werden. Studien wie Pisa oder Iglu sind dagegen nur Momentaufnahmen: "Daher übernimmt das Nationale Bildungspanel eine Pionierrolle in der internationalen Bildungsforschung", sagt Professor Blossfeld.

Die Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse darüber, wie Kompetenzen im Kleinkindalter, im Kindergarten, in der Schule, im Studium und im Beruf erworben werden. Die Studie soll zeigen, "wie wichtig Qualifikation und Kompetenzen überhaupt sind und wie sinnvoll und verwertbar sie im späteren Leben sind", sagt Projektleiter Blossfeld.

Dazu gehören auch Fragen, wie Eltern auf das Bildungsverhalten ihrer Kinder einwirken, welche Rolle das soziale Umfeld spielt oder sich ökonomische Einflüsse auswirken, die zudem geklärt werden sollen. Die Ergebnisse der Studie sollen der Bildungsforschung und der Bildungspolitik verlässliche Analysen liefern, damit Bildung und Bildungspolitik besser organisiert werden können. So erwartet Bundesbildungsministerin Annette Schavan umfassende Grundlagendaten, die die Umsetzung von Bildungskonzepten voranbrächten. Denn nur wenn man wisse, wie die familiären Verhältnisse oder die Schulformen die Kompetenzen der Menschen beeinflussen, könne man die Konzepte anpassen und die Menschen entsprechend fördern.

Ministerin Schavan startet in dieser Woche offiziell das Projekt. Sie bezeichnete es als "Leuchtturm in der Bildungsforschung, der auch im internationalen Vergleich Maßstäbe setzt". Finanziert wird die Studie vollständig vom Bund. Außerdem ist auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) der Länder mit im Boot sowie weitere Forschungsinstitute wie etwa das Berliner Max-Planck-Institut oder das Deutsche Institut für Pädagogische Forschung in Frankfurt/Main.

Dass Bamberg den Zuschlag bekam, führt Professor Blossfeld auf die "zielorientierte und kluge Berufungspolitik in den letzten Jahren" zurück. Sie hätten das notwendige fachliche Spektrum an Disziplinen für das Nationale Bildungspanel nach Bamberg geholt. Die Staatsregierung richtete zur Unterstützung des Bildungspanels drei zusätzliche auf Bildungsforschung spezialisierte Professuren beziehungsweise Juniorprofessuren ein.

Schon seit August werden die 100 Wissenschaftler rekrutiert, die in Bamberg arbeiten. So läuft nach den Worten von Professor Blossfeld das Projekt durch eine Vorfinanzierung bereits jetzt "auf vollen Touren". Die eigentliche Finanzierung beginnt ab Januar 2009. Ein Festakt am 3. Februar wird das Nationale Bildungspanel in Bamberg feierlich eröffnen.

Quelle: welt-online

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Mehr Chancen für Jugendliche mit Behinderung

Staatssekretär Sibler bei Fachtagung: Zusammenarbeit von Pädagogen, Medizinern und Psychologen bei der Förderung von jungen Menschen mit körperlichen Behinderungen unerlässlich.

Kultusstaatssekretär Bernd Sibler sprach heute bei der Eröffnung der Fachtagung zum 10jährigen Bestehen des Bundesverbands der in Deutschland tätigen Konduktoren in München ein Grußwort. Er betonte, dass Fördermaßnahmen für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen besonders wirksam seien, wenn Pädagogik, Psychologie und medizinisch geleistete Therapie sowie tägliches Leben miteinander verknüpft werden. Für das bayerische Schulwesen bedeute dies, Sonderschullehrkräfte, Erzieher, Heilpädagogische Förderlehrer, Konduktoren, Psychologen,
Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Pflegekräfte zusammenzuführen und in ihrer Abstimmung zueinander zu fördern, so der Staatssekretär. Die "Konduktive Förderung" helfe bei diesem Ansatz, fügte er hinzu.

Die "Konduktive Förderung" verkörpert einen ganzheitlichen Bildungsansatz und richtet sich an Menschen mit Störungen des Zentralen Nervensystems, also an Menschen, die unter zerebralen Bewegungsstörungen leiden. "Den Menschen und seine Persönlichkeit ganzheitlich und komplex fördern, so dass eine frühest mögliche Integration erreicht werden kann" - so lautet das Grundprinzip des ungarischen Professors András Petö, dem Begründer der Konduktiven Förderung.

Kultusminister Siegfried Schneider und Sozialministerin Christa Stewens haben die Schirmherrschaft über den Jubiläumskongress übernommen. Beide Ministerien unterstützen seit Jahren die Aus- und Weiterbildung von
entsprechendem Fachpersonal und die Umsetzung konduktiver Konzepte in schulischen und sozialen Einrichtungen.

Pressemitteilung des Kultusministeriums Nr. 327 vom 24.Oktober 2008:

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Bildung für alle - oder nur für die, die sehen können?

Im Vorfeld des nationalen Bildungsgipfels macht die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe auf Missstände aufmerksam
Bildung für alle - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dieses Thema zur Chefsache erklärt und für den 22. Oktober zu einem nationalen Bildungsgipfel nach Dresden geladen. Sieben Tage vorher, am 15. Oktober, findet traditionell der "Tag des weißen Stockes" statt, an dem weltweit blinde Menschen auf ihre Situation aufmerksam machen. Zeit für eine Bestandsaufnahme zur Situation der blinden und sehbehinderten Schüler in Deutschland. Bildung für alle - oder nur für die, die sehen können?

Laut Kultusministerkonferenz besuchen 7.000 Kinder mit dem Förderschwerpunkt "Sehen" die deutschen Schulen, der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) schätzt aber, dass es mindestens 14.000 blinde und sehbehinderte Schüler gibt. Das sind nur 0,1% bzw. 0,2 % aller Schüler in Deutschland, eine kleine Gruppe, die bei großen Würfen in der Bildungspolitik leicht vergessen werden kann. Genau das ist schon viel zu oft passiert - so jedenfalls der Eindruck des DBSV und des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Beide Organisationen haben deshalb für die diesjährige Woche des Sehens, siehe unten, ein provokatives Motto gewählt: "Blindes Kind - dunkle Zukunft?"

Die optimale Förderung in der Schulzeit ist entscheidend für die Chance auf Integration in unserer Gesellschaft. Für blinde Schüler stehen heute ausgereifte pädagogische Konzepte zur Verfügung, durch die sie genau so lernen können wie Kinder mit vollem Sehvermögen. Doch die Errungenschaften in der Förderung und Bildung junger blinder und sehbehinderter Menschen werden durch Einsparungen und das Zurückfahren spezieller Förderangebote bedroht.

Ein großes Problem ist die föderale Struktur der deutschen Bildungslandschaft, sie führt zu einem Flickenteppich von Landesregelungen und in der Folge zu Bildungsangeboten unterschiedlichster Qualität. In dem einen Bundesland wird die Internatsunterbringung nicht finanziert, im zweiten fehlt es an Unterrichtsmaterialien, während am anderen Ende der Republik mit den Betreuungsstunden gegeizt wird. "Es gibt Eltern, die ihren Wohnsitz in ein anderes Bundesland verlegen, damit ihr blindes Kind eine ordentliche Schulbildung bekommt", verdeutlicht DBSV-Präsidentin Renate Reymann die Situation.

Häufig leidet die Qualität der Schulbildung aufgrund finanzieller Aspekte. Ungefähr 27 Prozent der blinden und sehbehinderten Schüler werden an allgemeinen Schulen unterrichtet und sind selbstverständlich auch dort auf spezielle Materialien und Förderung angewiesen. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, fordert grundsätzlich den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderungen. Evers-Meyer: "Leider ist es aber heute noch nicht jeder Regelschule möglich, einem betroffenen Kind das sonderpädagogische Know-how und all die Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, die es braucht. Deshalb brauchen wir noch auf lange Sicht die Option einer speziellen Förderschule. Die Qualität der Ausbildung und das Wahlrecht des Kindes und seiner Eltern müssen an erster Stelle stehen." Auch die Selbsthilfeverbände machen sich für das Wahlrecht stark, die Eltern sollen aus ihrer individuellen Situation heraus entscheiden können, ob ihr Kind besser in der allgemeinen Schule vor Ort oder in einer speziellen Förderschule aufgehoben ist. "Voraussetzung für ein echtes Wahlrecht ist aber, dass an beiden Schulformen genügend qualifizierte Blinden- und Sehbehindertenpädagogen zur Verfügung stehen", bemerkt der DVBS-Vorsitzende Uwe Boysen und fordert eine bessere Ausstattung der vier deutschen Ausbildungsstandorte.

Höchste Zeit also, dass die Bildungsoffensive der Kanzlerin auch bei den blinden und sehbehinderten Schülern ankommt. Zahlreiche Eltern betroffener Kinder wollten nicht länger warten und haben sich auf Initiative des DBSV in einem "Netzwerk Elternberatung" zusammengeschlossen. Das Beratungsangebot von Betroffenen für Betroffene startete zu Beginn der diesjährigen Woche des Sehens, mehr Infos unter: www.dbsv.org/elternberatung

Woche des Sehens: Kinderblindheit verstehen und verhüten Der "Tag des weißen Stockes" am 15. Oktober bildet traditionell den Abschluss der Woche des Sehens, die bundesweit auf die Bedeutung guten Sehvermögens, die Ursachen vermeidbarer Blindheit sowie die Situation blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland und in den Entwicklungsländern aufmerksam macht. Die Partner der Aufklärungskampagne haben in diesem Jahr gemeinsam den Schwerpunkt "Blinde und sehbehinderte Kinder" gewählt. Getragen wird die Aktionswoche (9.-15. Oktober 2008) von der CBM (Christoffel-Blindenmission), dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, dem Berufsverband der Augenärzte, dem Deutschen Komitee zur Verhütung von Blindheit, der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, dem Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf sowie dem Hilfswerk der Deutschen Lions. Unterstützt wird die Woche des Sehens von der Aktion Mensch und der Carl Zeiss Meditec AG.

www.woche-des-sehens.de

!Hinweis für die Redaktionen! Weitere Informationen, Audio-Material sowie Pressebilder zum kostenlosen Abdruck unter: www.woche-des-sehens.de/presse/

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Wenig Lichtblicke für behinderte Schüler

Bundesbildungsbericht zeigt Schwächen der Integration in das reguläre Schulsystem auf

Die Integration behinderter Schüler in das reguläre Schulsystem kommt nur langsam voran. Der aktuelle Bundesbildungsbericht zeigt, dass im Schuljahr 2006/2007 nur 16 Prozent aller Kinder mit besonderem Förderbedarf auf allgemeinbildende Schulen gingen. 1999 lernten rund 12 Prozent der Kinder mit Handicap auf Regelschulen.

Zuletzt gingen damit 408.000 lern- oder körperbehinderte Schüler auf eine Sonderschule, lediglich 76.000 besuchten die Integrationsklassen normaler Grund-, Haupt- oder weiterführender Schulen. Gegenüber 1999 nahm die Zahl der Behinderten in allgemeinbildenden Schulen damit um lediglich 22.000 zu, die Zahl der Sonderschüler ging um knapp 7.000 zurück.

Fachleute kritisieren, dass hierzulande behinderte Kinder damit weiterhin deutlich stärker von normaler Bildung ausgeschlossen als in anderen europäischen Ländern. In den meisten Staaten der EU liegt die Integrationsquote bei weit über 60 Prozent. In Portugal, Großbritannien oder Schweden sind rund 90 Prozent dieser Kinder in eine normale Schule integriert. Norwegen und Italien haben schon in den 1970er Jahren alle Sonderschulen geschlossen.

Die in Deutschland übliche Trennung behinderter und nicht behinderter Schüler war im März 2007 vom Inspektor der UN-Menschenrechtskommission für Bildung, Vernor Muños Villalobos, als Verletzung des Menschenrechts auf Bildung kritisiert worden. Dass die meisten behinderten Kinder auf Sonderschulen gingen, müsse "als Politik der Absonderung ausgelegt werden", hieß es im UN-Menschenrechtsbericht.

In den einzelnen Bundesländern sind stark unterschiedliche Bemühungen zu verzeichnen, behinderte Schüler zu integrieren. Die Bandbreite gemeinsam unterrichteter Kinder reicht von fünf Prozent in Niedersachsen bis zu 45 Prozent in Bremen. Dies weise "auf deutliche Unterschiede in den sonderpädagogischen Zuweisungsverfahren bzw. auf Kapazitätsgrenzen hin", heißt es dazu im Bundesbildungsbericht.

Zwar geht der Bericht davon aus, dass "alle Länder der integrativen Förderung an sonstigen allgemeinbildenden Schulen den Vorrang gegenüber der Überweisung an eine Förderschule einräumen", größere Fortschritte bei der Integration konnte jedoch nur eine geringere Zahl von Bundesländern aufweisen. So stieg die Quote der integrativ beschulten Behinderten in Bremen seit 1999 um 21 auf 44,9 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um 15,3 auf 20,5 Prozent und in Brandenburg um 11,6 auf 28,2 Prozent an. In rheinland-pfälzischen Regelschulen nahm der Anteil Behinderter dagegen sogar ab (siehe Grafik).

Die Bundesbehindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer forderte angesichts der neuen Daten eine gemeinsame Schule für alle Kinder. "Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken in der Bildungspolitik." Der Weg des Aussonderns habe in eine Sackgasse geführt. Sonderschüler hätten später kaum noch Chancen auf eine berufliche Eingliederung. Im Schnitt gehen mehr als 80 Prozent dieser Kinder in eine Werkstatt für behinderte Menschen, beklagte Evers-Meyer.

Die beruflichen Chancen von behinderten Kindern, die auf einer Regelschule unterrichtet wurden, lägen dagegen um ein vielfaches höher. Die Aussonderung sei nicht nur "eine unfassbare gesellschaftliche Diskriminierung, das ist volkswirtschaftlicher Unsinn", sagte die Behindertenbeauftragte. Nötig seien Schulen für alle, in denen jedes Kind individuell gefördert werde.

Die Behindertenbeauftragte forderte die Bundesregierung auf, das Thema auf dem für Oktober geplanten Bildungsgipfel "an prominenter Stelle" zu behandeln. Dies sei auch deshalb nötig, weil Deutschland in diesem Jahr die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen ratifizieren wolle. Diese Konvention fordert alle Mitgliedsstaaten auf, behinderten Kindern den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen und Chancengleichheit im Bildungssystem sicherzustellen.

Weitere Informationen:  www.bildungsbericht.de

epd sozial Nr. 39 vom 26. September 2008

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DER VERDRÄNGTE BILDUNGSSKANDAL

10% Erstklässler in Nürnbergs Förderschulen!

Alle Jahre wieder kommt der 1, Schultag und mit ihm tausendfacher Frühstart, aber auch Kritik an zu großen Klassen und zu wenig Lehrkräften.

10% der Erstklässler allerdings stehen in Nürnberg da schon im Schatten. Ihr erster Schultag findet in Förderschulen (zur Hälfte in Förderzentren) statt – für viele an einem Ort, der lange

Schulwege bedeutet und sie von der Kindergemeinschaft im Wohngebiet nachhaltig ausschließt. Und sie stehen im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit, denn ihre Aussonderung wird einfach nicht wahrgenommen – oder sie gilt als naturgegeben. Es interessieren weder die seelischen Verletzungen noch die fehlende gesellschaftliche und berufliche Zukunft von Förderschulkindern. Und während die Parteien um das ‚dreigliedrige’ Schulsystem streiten, entgeht ihnen diese erste, folgenschwere Selektion zur Viergliedrigkeit.

Die bayerische Grundschule wird fälschlich als eine Schule für alle gesehen und nur die vordergründige Selektion nach dem 4. Schuljahr beklagt. Einzelintegration von Förderkindern ist an Nürnbergs Grundschulen eine verschwindende, statistisch kaum erfassbare Größe.

Um wirklich allen Schulkindern von Anfang an gerecht zu werden, reichen allerdings kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte nicht aus. Von integrativen Kindergärten kann Schule lernen, wie man gemeinsam mit sehr verschiedenen Kindern erfolgreich Bildungsarbeit leistet. Die Inklusion aller Kinder bedeutet, dass individuelle Pädagogik und Förderung endlich normal würden, dafür müßte sich die Grundschule grundlegend und nachhaltig verändern. Mit einem multiprofessionellen Team von Lehrkräften und sozial- und heilpädagogischen Fachkräften ausgestattet, ohne Noten, mit individuellen Lernplänen und intensiver Einbindung der Eltern könnte die inklusive Schule vom ersten Schultag an starten.

Man müsste ihr nur auch in Bayern politisch eine Chance geben.

Günther Schedel-Gschwendtner

Organisationssekretär der GEW

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Erste Stützklasse für Förderkinder gestartet

Sie sind zu hibbelig, um vier oder fünf Schulstunden lang auf ihrem Stuhl zu sitzen. Sie sind zu unkonzentriert, um der Lehrerin zu folgen. Oder aber sie sind aufgrund von bisher Erlebtem emotional extrem unsicher: Kinder, denen es so geht, können nicht in einer Regelklasse und auch nur sehr schwer in einer Förderklasse unterrichtet werden. Nicht für alle Abc-Schützen ist der Start ins Schulleben einfach und unbeschwert.

Für ein paar dieser Kinder gibt es jetzt ein neues Hilfsangebot: die sogenannte Sonderpädagogische Stütz- und Förderklasse (SFK) an der Ulrichschule, die das Sonderpädagogische Förderzentrum I Augsburg Süd/West und das Diakonische Werk Augsburg gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Es ist nach Auskunft der Diakonie die erste ihrer Art in Schwaben für den Bereich der Diagnose- und Förderklassen.

Das Besondere: Förderschule und Mitarbeiter der Jugendhilfe arbeiten sehr eng zusammen, um jedes der insgesamt acht Kinder in der neuen Klasse bestmöglich zu fördern und ganztags zu betreuen.

„Es gibt insgesamt fünf Mitarbeiterinnen, die für acht Kinder da sind“, erklärt Christel Artz vom Diakonischen Werk Augsburg. Zusammen mit Schulleiterin Birgit Geißler hat sie die neue SFK maßgeblich auf den Weg gebracht.

Der Stundenplan der Klasse sieht anders aus als bei sonstigen Erstklässlern. Das Wort Förderung taucht darin ziemlich oft auf: Lernförderung, Förderung im kreativen Bereich, Förderung der emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Die Kinder werden von acht Uhr morgens bis 16 Uhr am Nachmittag durchgehend von den Mitarbeiterinnen betreut. Sie lernen nicht nur zusammen, sondern essen, spielen und toben zusammen, machen Hausaufgaben und Ausflüge.

Bestandteil der SFK ist die Elternarbeit: Die Eltern werden regelmäßig von Mitarbeitern beraten, auch ein Elternseminar wird es geben. „Wir wollen die Familien unterstützen, ihnen aber auch nichts von ihrer Verantwortung weg- oder zu viel abnehmen“, so Christel Artz.

Mit dem neuen Angebot wird laut Artz eine Lücke geschlossen, bisher gab es für Schulanfänger mit besonders großen Schwierigkeiten keine Alternative zur Diagnose- und Förderklasse. Möglich wurde die neue SFK, weil das Kultusministerium und das Sozialministerium diese Lücke erkannt haben und das Konzept der SFK als gemeinsames Projekt von Schule und Jugendhilfe entwickeln ließen.

Quelle: Augsburger Allgemeine

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Kein Problem: Geistig behindert und Gymnasiast

In Bad Harzburg lebt eine 7. Klasse mit vier Down-Syndrom-Kindern mit einem Vorzeigemodell vor, was Integration wirklich heißt.

Sonderpädagogin Gabriele Krusche hat sich einen Rucksack bäuchlings umgebunden und erklärt Andre ganz praktisch, wie ein Akkordeon funktioniert. Derweil lässt Musiklehrer Arne Spohr Marvin seine Querflöte ausprobieren. Mitschülerin Amelie ist mit vier anderen Mädchen ins Gespräch über Bigbands und Streichquartette vertieft. Muntere Szenen wie diese sind Alltag in der Klasse 7a des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Bad Harzburg. Daran, dass der Lärmpegel ein bisschen höher ist als in anderen Klassen, haben sich Schüler und Lehrer längst gewöhnt.

Amelie, Astrid, Marvin und Andre sind geistig behindert – und Gymnasiasten. Damit sind die vier Down-Syndrom-Kinder eine Ausnahmeerscheinung im bundesdeutschen Bildungssystem. Derzeit gibt es nur noch ein Gymnasium in der Nähe von Nürnberg, das in einer Integrationsklasse auch geistig behinderte Kinder unterrichtet. „Vielleicht verkraften Gymnasien das sogar besser als Hauptschulen, denn dort gibt es oft noch ganz andere Probleme“, meint Wilfried Eberts, Konrektor am Werner-von-Siemens-Gymnasium, der die Klasse anfangs als Klassenlehrer betreut hat. „Sicher gab es am Anfang Ängste, man ist für so etwas eigentlich gar nicht ausgebildet“, erinnert sich der Pädagoge.

20 Stunden in der Woche kommen zusätzlich im Wechsel zwei Förderschullehrerinnen in die Klasse, die Amelie, Astrid, Marvin und Andre in einigen Fächern auch in einem angrenzenden kleinen Raum extra betreuen. Andere Stunden wie Sport, Musik, Religion und Biologie werden im Klassenverbund unterrichtet. Die beiden Integrationshelfer Christian Sund und Sünja Glatthor sind während des gesamten Unterrichts anwesend, und sie sind nicht nur für die vier Behinderten vertraute Ansprechpartner, sondern auch für die anderen Kinder.

Die 7a ist im Lehrplan genauso weit wie ihre Parallelklassen. Der Druck durch das Turboabitur ist auch hier spürbar, aber auch die Rücksicht, die die 27 Schüler aufeinander nehmen. Natürlich gebe es eine Lernschere zwischen den behinderten und nicht behinderten Kindern, die mit dem zunehmend komplizierteren Stoff auch immer größer werde, sagt die neue Klassenlehrerin Ina Samel. „Es gibt Grenzen, die muss man sehen“, meint auch ihr Vorgänger Eberts. Nach zwei Jahren als Klassenlehrer fällt seine Bilanz nur positiv aus: „Der gemeinsame Unterricht bringt allen Vorteile, die soziale Integration läuft ganz toll.“

Die behinderten Mitschüler sind längst Freunde geworden, mit denen man Geburtstag feiert oder ins Kino geht. Und die man vermisst, wenn sie nicht da sind. „Astrid fehlt“, sagt ein Mädchen und zieht bedauernd die Schultern hoch. „Sie merkt immer gleich, dass man traurig ist und umarmt einen, ohne dass man was sagen muss.“

Die zwölfjährige Astrid muss sich nach einer Operation zu Hause in Goslar auskurieren. Für ihren Vater Frank Hehlgans war es von Anfang an selbstverständlich, dass seine Tochter, die eine nicht behinderte Zwillingsschwester hat, so normal wie möglich aufwächst. Von „Schonräumen für Behinderte“ hält er nicht viel: „Das bedeutet auch immer Isolierung.“ Astrid soll sich selbstständig zurechtfinden können in der normalen Welt.

An dumme Sprüche wie die Frage, ob denn seine Tochter auch Abitur machen soll, hat sich Frank Hehlgans gewöhnt – und begegnet ihnen mit einem Achselzucken. „Astrid kann nicht lesen und schreiben.“

Egal was sie können und was nicht, in der Klasse 7a sind die vier behinderten Kinder längst angekommen. Astrid genauso wie Andre, der gar nicht mehr so schweigsam ist wie am Anfang, Marvin mit seinem herzöffnenden Lächeln und Amelie, die sich oft meldet und in der Pause mit ihren Freundinnen kichernd tuschelt. Von Berührungsängsten keine Spur. „Wir können uns gar nicht vorstellen, dass die vier irgendwann nicht mehr in unsere Klasse gehen, die gehören doch dazu“, sagt eine Mitschülerin.


Quelle: Göttinger Tageblatt

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Ministerium streicht Integrationsklassen

Integrierte Schulen unerwünscht

In einer badischen Schule lernen geistig behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam. Doch plötzlich streicht das Kultusministerium die erste von zwölf Integrationsklassen. VON BERND KRAMER

Der Grund für die Einschränkung der Unterstützung: Keine nachweisbare bessere Leistung der Integrationskinder gegenüber denen, die eine Sonderschule besuchen.

Peter Fischers Handy klingelte im Urlaub, kurz vor dem ersten Schultag seines Sohns Balthasar. Die Nachricht: Die Einschulung des Siebenjährigen steht auf der Kippe. Balthasar hat das Down-Syndrom und sollte am kommenden Mittwoch die erste Klasse der integrativen Waldorfschule im baden-württembergischen Emmendingen besuchen.

Dort lernen behinderte und nichtbehinderte Kinder seit 13 Jahren gemeinsam. Jede Klasse hat 4 Schüler mit und 24 Schüler ohne Behinderung. Zwei Lehrer halten den Unterricht, ein Integrationshelfer unterstützt sie. Da es im Schulgesetz von Baden-Württemberg offiziell keine Integrationsschulen, sondern nur "normale" und Sonderschulen gibt, wurden bisher befristete Sondergenehmigungen für dieses "Integrative Schulentwicklungsprojekt" erteilt.

Dieses Jahr hat das Kultusministerium das erste Mal die Unterstützung für die Schule eingeschränkt: Klasse 1 wurde nicht genehmigt. Der Grund: Es könne nicht nachgewiesen werden, dass die behinderten Kinder durch den integrativen Unterricht bessere Leitungen erzielen als die, die eine Sonderschule besuchen.

Michael Löser, Geschäftsführer der integrativen Waldorfschule, ist empört: "Es ist menschlich unmöglich, was da passiert." Jahrelang hatten die Gutachter des Regierungspräsidiums den Pädagogen hervorragende Arbeit bescheinigt.

Die Schule befürchtet nun, dass ihr integratives Modell in der Zukunft auslaufen soll. Die Opposition im schwarz-gelb-regierten Landtag vermutet keine pädagogischen, sondern politische Motive. "Die CDU will ihr Sonderschulwesen unbedingt erhalten", sagt der SPD-Abgeordnete Norbert Zeller, selbst Sonderschullehrer und Vorsitzender des Schulausschusses.

Damit formell die Trennung der Schularten - auf die das Land Wert legt - auch in der integrativen Waldorfschule eingehalten werden kann, hat das Kultusministerium einen Kompromiss vorgeschlagen. Die bestehenden Klassen 2 bis 12 sollen als integrativer Schulversuch erst einmal weiterlaufen. Eine neue integrative Klasse darf aber nicht gegründet werden. Stattdessen soll sich die Schule spalten: in eine gewöhnliche und eine Sonderschule. Dabei könnten die Kinder natürlich auch in gemeinsamen Stunden unterrichtet werden. "Formal sind die behinderten Schüler Sonderschüler, in der Praxis können Kooperationen aber sehr flexibel gehandhabt werden", sagte ein Ministeriumssprecher.

Was sich so anhört, als würde sich für die Schüler nichts ändern, bedeutet für die Waldorfschule Emmendingen extreme finanzielle Schwierigkeiten. Im Rahmen des bisher genehmigten Schulversuchs finanzierten die Landkreise Schulbusse und Freiwilligenhelfer, die die behinderten Schüler im Schulalltag begleiten. "Drei von vier Landratsämtern haben uns gesagt, dass sie uns diese Gelder nicht mehr geben könnten, wenn wir kein Integratives Schulentwicklungsprojekt mehr sind", sagt Schulgeschäftsführer Michael Löser. Bis zu 300.000 Euro könnten der Schule fehlen.

Baden-Württemberg ist bei der Integration gehandicapter Schüler nicht gerade ein Musterländle. Statistiken zeigen, dass die Waldorfschule Emmendingen eine Ausnahme ist: Im Jahr 2006 etwa wurden nur 0,3 Prozent der geistig behinderten Schüler in eine "normale" Schule integriert. Der Rest ging auf eine Sonderschule. Zum Vergleich: In Hamburg sind es 22, in Berlin 10 Prozent, so der Verein Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung.

Zum Schulbeginn am Montag hat die Schulleitung in Emmendingen den Kompromiss nun erst einmal angenommen, damit die Erstklässler mit Behinderung am Unterricht teilnehmen können. Die Trennung in zwei Schulen soll aber nur eine Zwischenlösung sein: Die Leitung klagt gemeinsam mit den Eltern gegen das Kultusministerium.

Quelle: taz

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Von der Regelschule in die Förderschule

Die Schulkarriere eines Down-Syndrom-Mädchens
Zwar erlaubt das Berliner Schulgesetz die Integration von behinderten Kindern in der Sekundarstufe eins. Über 1000 behinderte Kinder lernen in der Hauptstadt nach der sechsten Klasse mit ihren Mitschülern weiter. Im Falle eines Mädchens mit Down-Syndrom vermochten es die Lehrer allerdings nicht, sich auf die Bedürfnisse der Behinderten einzustellen.
"Es war damals in der Grundschule immer so gewesen. Palle hat gesonderte Aufgaben bekommen, ganz andere und wir haben normal gelernt. Der Lehrer hat uns das so erklärt. Eigentlich hat er nebenbei für Palle was gemacht und war mehr für uns da als für Palle. Aber sie hat schon viel mitgemacht, ne? Sie wurde integriert und das war normal."

Der Wechsel auf die Realschule und die Trennung von den behinderten Klassenkameraden war auch für den zarten, noch kleinen Neuntklässler mit Brille eine Umstellung, so erzählt der Junge. Seine Mitschüler heute würden Kinder wie Pascal auslachen. Das Klima sei rauer geworden. Darunter leidet auch er.

"Ich kann es mir nicht vorstellen, auf unserer Schule jetzt. Das würde nicht funktionieren. Weil die Lehrer eigentlich mehr auf uns aufpassen müssen, weil die Schüler an größeren Schulen ziemlich viel Unsinn machen.

Und damals an der Grundschule war es so: Es war eine kleinere Klasse. Es war immer übersichtlicher. Und auf der Realschule sind wir doppelt so viel, wie es an der Grundschule war und da muss der Lehrer auf uns mehr aufpassen, als wenn Palle bei uns in der Klasse wär'."

"Es geht nicht. Ich hab Pankow. Ich Pankow Schule bin", mischt sich Pascal ins Gespräch ein und erwähnt ihre Förderschule im Nachbarbezirk? Hin laufen, wie zur Grundschule, kann sie nicht mehr. Also wird sie von einem Fahrdienst gebracht. Anders als beispielsweise in Nordrheinwestfalen oder Sachsen, erlaubt zwar das Berliner Schulgesetz die Integration von behinderten Kindern auch in der Sekundarstufe eins.

Über 1000 behinderte Mädchen und Jungen lernen in der Hauptstadt auch nach der sechsten Klasse mit ihren Mitschülern weiter. Aber Pascal hatte kein Glück mit ihrer Hauptschule. Die Lehrer vermochten es nicht, sich individuell auf jeden Schüler und damit auch auf die Behinderte einzustellen. Auch daran scheitert die Integration in unserem Lande. Deshalb werden nur rund 15 Prozent der deutschen Sonderschüler in Regelschulen unterrichtet.

"In den Förderschulen werden Mehrfach-Schwerbehinderte mit nicht so Schwerbehinderten integriert. So wurde mir das auch von Seiten der Schule erzählt. Dafür denke ich, ist die Integration da."

Für die Mutter von Pascal, Gabriele Fromm, ist das eine Zwickmühle. Auf der einen Seite sieht sie, dass sich ihre Tochter in der Förderschule geborgen fühlt. Gegenwärtig hat sie in einer Café-Werkstatt Unterricht, backt Kuchen und muss zuvor das Rezept lesen und schreiben, die sie stolz aus ihrem Ranzen hervorkramt.

"Da ist er Kuchen. Zitronenkuchen und Käsekuchen."

Auf der anderen Seite erlebt sie: Immer sind die Behinderten unter sich. Pascal kann ihre Qualitäten nicht in die "Normal"-Gesellschaft einbringen.

"Meine Tochter mit Down Syndrom kann auch unheimlich gut trösten und merkt, wenn es jemandem nicht so gut geht und geht viel offener auf den Mitmenschen zu, was auch anderen wieder was bringen kann."

"Wenn ich Geburtstag feiere, kann ich nur Behinderte und Nico einladen, weil man hat gar keine Chance Normale - in Anführungsstrichen - näher kennen zu lernen."

In der neunten Klasse lernt ihre Tochter jetzt. Nächstes Jahr hätte sie ihre Schulpflicht erfüllt. Doch vermutlich wird sie länger an ihrer Förderschule bleiben. Welche Perspektive hätte sie sonst?

"Wir hatten jetzt gerade einen Elternabend. Da werden nur die Werkstätten vorgestellt. Also diese Vorstellung, auf dem freien Markt oder eine Ausbildung integrativ zu machen - wurde uns da wieder gar nicht gezeigt. Da muss man als Mutter wieder Extra-Wege gehen. Das Ziel bei denen ist immer so: Die Kinder kommen dann in die Werkstatt und da sind sie unter sich. Das heißt ja nicht, dass sie sich nicht untereinander wohlfühlen. Aber einfach der normale Umgang. Mit Nico, das ist doch unheimlich schön. Wir machen auch Sachen… das macht ihm auch Spaß und das ist einfach toll."

© 2008 Deutschlandradio

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Sonderschule braucht Anerkennung

Lehrkräfte an Sonderschulen leiden darunter, dass dieser wichtigen Schulart die gesellschaftliche Anerkennung versagt bleibt. Wie die Referatsleiterin "Sonderschule" des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Südbaden, Barbara Timm (Müllheim/Kandern) mitteilt, beziehe sich diese Aussage auf mehrere Tatsachen, die nicht von der Hand zu weisen seien. Alleine schon, dass sämtliche Diskussionen über das so genannte dreigliedrige Schulsystem die vierte Säule, nämlich die im Schulgesetz festgeschriebenen zehn Sonderschularten vernachlässigen, zeugt von der Ignoranz Außenstehender. Eine mit Mängeln behaftete Lehrerversorgung für Sonderschulen, sowie zu geringe Kooperationsmöglichkeiten zu Grund- und Hauptschulen seien ebenfalls nicht geeignet, so Barbara Timm, die segensreiche Arbeit dieser Schularten ins gebührende Licht zu rücken.

Ob die Sonderschule in einem zukünftigen Schulsystem Bestand habe oder nicht, sei für den VBE überhaupt keine Frage, so Timm. Dort, wo man Schülerinnen und Schüler besser fördern könne als beim integrativen Lernen, müssen die Sonderschulen ihren Platz haben, ist die engagierte Referats-leiterin überzeugt. Wenn die Bildungspolitiker es mit der Förderung der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft ernst meinen sei es zwingend notwendig, so Timm, dass Sonderschulen personal- und stundenmäßig besser ausgestattet werden.

Zu den Aufgaben der Sonderschullehrer gehöre neben dem Unterrichten
und der Betreuung der dem pädagogischen Personal anvertrauten Kinder die Kooperation zu Kindergärten, Grundschulförderklassen und anderen Schularten. Diese schließt Diagnostik, die Erstellung von Förderplänen, Beratung der Eltern und die Kenntnis des Netzwerks unterstützender Helfer mit ein.

Die latente Forderung nach Abschaffung der Sonderschulen und die vollständige Integration der Schüler in die Regelschulen halten sowohl Timm als auch der VBE für ein ideologisch gefärbtes Unterfangen. Der Verband tritt dafür ein, dass Schüler, die in den Regelschulen -wenn auch mit Mühen- beschult werden können, dort ihren Lernort finden. Wenn aber Sonderschulen für die Entwicklungsmöglichkeiten von Schülern die bessere und unverzichtbare Alternative sind, so müssen diese Einrichtungen mit dem vollen pädagogischen Angebot zur Verfügung stehen.

Der VBE hofft, dass die "vergessene vierte Säule" vom 500-Millionen-Programm der Landesregierung dennoch einen satten Bissen abbekommt.

Quelle: Pressemeldung

Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg Landesbezirk Südbaden / Freiburg, 09.09.2008

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